Dienstag, 28. Juli 2015
Ein unbeachteter Mensch
helfenkoenig, 12:16h
Er trinkt ein paar Gläser aus einer Flasche mit dunkler Flüssigkeit. Wahrscheinlich ist es brauner Rum oder so etwas Ähnliches. Nach einigen Stunden schläft er vor dem Fernseher und dann telefoniert er 20 Minuten, während er im hinteren Raum verschwindet. Es ist fast 4 Uhr, da sehe ich, wie er mit einer Flasche Korn (oder Wodka) wieder in das Wohnzimmer zurück kommt.
Gestern hatte er Besuch von einem älteren Mann und zwei heruntergekommenen Frauen. Leider hatte er die Vorhänge geschlossen, aber ich kann mir denken, was da abging. Seit Wochen geht er kaum aus der Wohnung, nur um Alkohol zu kaufen und Katzenfutter. Die Katze ist er und auch der Goldfisch, der sich nicht an gestern erinnert und deren Zukunft immer wieder von vorne beginnt.
Nach einem Monat erkenne ich ein gewisses Muster und rufe den Kontaktmann an. Er nennt sich Schmidt und sagt mir, dass er meine Protokolle sehen will. Ich sage ihm, er soll etwas Leckeres vom türkischen Imbiss mitbringen, aber nicht wieder einen Döner. „Das Essen und die Wohnung sind bezahlt, ich bin nicht Ihr Lieferjunge“, sagt er und beendet das Gespräch. Bin mal gespannt, wie der Schmidt heute aussieht.
Meistens war das immer ein mittelalter Mann mit unauffälligem Trenchcoat. All diese Schmidts haben wohl im selben Laden eingekauft nach dem Kalten-Krieg-Ausverkauf mit 98 Prozent Rabatt. Und all diese Kontaktmänner hatten immer dieses unauffällige Gesicht, wo die Front mit den Augen, der Nase und den Lippen glatt nach unten fiel. So wie mein Gefühl nach einem Sonderposten-Fick mit Angela, kalt und zu heiß.
Zu meiner Überraschung ist Schmidt diesmal eine Frau, älter und wenig gut aus sehend. Sie sagt: „Ich weiß, was Sie denken, aber ich stehe nicht auf Männer und auch nicht auf Frauen, ich besorge mir selbst alles.“ Sie betritt die Wohnung, schaut sich kurz um. „Hässliche Wohnung“, ihr Kommentar. „Ich möchte hier auch nicht als werden“, sage ich und lächele.
„Das Protokoll“, sagt sie und breitet ihre Hand aus.
Nach dem Lesen sagt sie: „Wenig aufschlussreich. Es wurde beschlossen, dass er trotzdem so früh wie möglich stirbt. Sie machen das diese Woche, es gibt nächste Woche auch wieder Arbeit.“
„Das ist mir klar“, sage ich, „ich vermisse nur meinen üblichen Vorschuss“ und halte die Hand auf, die sie dann aber nur schüttelt.
Ein paar Sekunden später aber gibt sie mir den Umschlag und lacht. „Ich wollte sehen was Sie machen, aber Sie scheinen wirklich einer der Besten zu sein“. Ich sehe in den Umschlag und bin angenehm überrascht. Sie sieht das und sagt: „Es ist eilig, er soll am besten sofort weg.“ Der Grund hat mich nie besonders interessiert, aber wenn man plötzlich Geld bekommt wie für einen Spitzenagenten, ist das seltsam.
„Wir arbeiten immer noch für den Staat, keine Angst“, erklärt sie. „Er ist für die Rentenversicherung untragbar, kostet siebenmal mehr als ein normaler Rentner und ist schon immer ein unterdurchschnittlicher Bürger gewesen. Der bekommt mehr Rente als Sie für sein Ableben.“ Ich kenne diese Erklärungen, denn ich stehe immer auf der guten Seite. Der Tod macht Überstunden, das Leben zahlt eigentlich zu wenig...
120 in zehn Jahren. Ich sehe die Toten in meinem Gesicht, ihre Furchen haben mich gezeichnet, sie sprechen immer noch leise. „Geld ist alles was zählt und was Du verkaufen musst, um es zu erhalten, ist unwichtig“, sagte meine Vater immer. Jemand kauft den Tod von Anderen bei mir. Ich bin auch kein größerer Künstler als Teufel oder Gott, aber ich fühle sie, die Schuld, mein Elend, mich Mensch.
Menschen töten Menschen, Huren lieben Geld, das sie unehrlich verdienen, nur weil sie billig und gut auf Hormone wirken wie Angela. „Ich bin doch da“, sagt sie und ich weine zwischen ihren Beinen. Dann sagt sie: „Du musst auch noch in meine Muschi ficken. Es ist mir eigentlich egal, welche Tränen.“ Ich gebe ihr Geld, sie duscht sich und ich betrachte mein herunterhängendes Glied.
Jeder will Leben und Geld, dann soll alles besser werden und alle leben ihre Illusionen. Ich träume von den gestrigen Toten und von den zukünftigen. Dazwischen lebe ich in den Tagen. Sie sind hell. Ich kann Angela bumsen, sie will nur Geld. „Ich brauche das Geld, weil ich das Heroin brauche“, sagt sie. Und dann fügt sie hinzu: „Ich glaubte, dass ich besser aussehe, damit ich nicht putzen gehen muss.“
Sie hat meinen Schwanz geputzt, meine Tränen getrocknet, als sie mir die Flaschen mitgebracht hat. Rum, Korn und all diese anderen Kummerkissen. „Ruf mich an“, sagt sie dann immer zum Schluss. Ich glaube dann, dass es gut ist, was ich getan habe – zwischen der Zeit mit Angela und vor den Flaschen. Ein Terrorist wird auch immer ein Mörder bleiben, ich bleibe ich und bin ein Träumer ohne jegliche Hoffnung auf Erfüllung.
Zwischen den Aufträgen bin ich ein normaler Mensch, der ohne soziale Kontakte bei Aldi oder Penny einkaufen geht. Meine letzte Freundin vor 20 Jahren hat sich umgebracht, weil ich sie verlassen habe. Sie war mein erstes Opfer. Ich träume noch viel von ihr. Sie sagt, ich bin schon immer in der Hölle gewesen. Die Hölle ist kalt, aber niemand kann erfrieren. Jeder muss in seiner Hölle leben.
Des Menschen Leben ist eine Folter, weil er viel mehr will als er jemals bekommen kann. Jeder ist doch nur ein Blatt im Wind als er jemals wahr haben will – nie mehr. Wir treiben alle zu Gottes oder zum Gefallen vom Teufel in der gleichen Suppe und werden vom Verzehr nicht verschont – das Strampeln hilft also nie, aber wir tun es und sie sind fasziniert. Wir sind sie, aber sie sind nicht wir...
Tatsächlich habe ich meine wohlverdiente Rente und werde nun wie viele andere zu Tode gelangweilt. Ich denke an die Zeiten zurück, wo ich glaubte, eine öde Arbeit zu machen. Nun sieht alles anders aus. Das Grau von damals heute bunt und mein Sehnen nach Ruhe wie ein langsamer Gang auf den Friedhof, umgeben von Krähen im leichten Sprühregen, der wie ein Nebel mein wenig Freude in einen depressiven Mantel einhüllt. Ich atme schwer und ringe mit den Geistern der Toten um Sinn.
Es ist nicht viel anders, als das stille Ringen wegen zu viel Sinn und wie man ihn verteilt, damit kein Stress entsteht. Mit 55 nun alt und einigermaßen wohlhabend, ein Kapitän der Toten auf seinem verdienten, letzten Flug zur Hölle. Es war zu gut, das Leben, voller Schuld und Sünde, mit Kaviar und Sekt belohnt, mit Angela auch mal bestraft. Sie sagte, sie käme gerne öfter vorbei, um ihre Rente auf zu bessern. Ich kannte sie noch, als sie 16 war, die Tochter meines ersten Auftrags. Danach nahm ich sie dann bei mir auf und ich riet ihr auch zu ihrem Job.
Männer müssten töten und sie bräuchten danach eine Freundin, die ihnen einen Teil des Geldes wieder abnehmen, lehrte ich sie. Andere Männer müssten sterben, damit das Gute neu verteilt wird und ihr Tod ist eine Befreiung. Sie hat aber nie erfahren, warum ihr Vater „Selbstmord“ begannen hat. Vielleicht, weil er sie nicht nur schlug. Seinetwegen hatte sie nie einen Freund, der sie nicht bezahlte. Außer Frank, ihr Zuhälter, der ihr einen Napf mit Heroin hinstellte und wie ein neuer Vater für sie war. Aber Frank hat es dann auch getroffen. Ich hatte zwar keinen Auftrag, aber man kann ja auch mal karitativ sein und ein wenig schuldbewusst.
Das Leben ist oft ein Film, den manche gerne nur im Kino sehen würden, aber dann schlägt er zurück und die Regie ist ein unerbittliches Karma, süß mit Ohrenschmalz...
Ich sagte Angela heute, dass ich wohl ein Buch schreiben würde, obwohl es mir ein wenig an Fantasie mangelt. „Ja, du bist eben nur ein Buchhalter, nicht Jemand, der auch noch die Schrift dort hineinstellt“, antwortete sie am Telefon. „Wann können wir uns wieder mal treffen?“ Seit ich in Rente bin, habe ich sie nicht mehr gesehen. Ein halbes Jahr. Es schien so, als hätte sie eine unerklärliche Sehnsucht. „Wieso“, sage ich darum, „laufen deine Geschäfte nicht gut?“
„Das ist es nicht, seit Frank vermisst wird, habe ich gutes Geld gemacht. Aber es ist langweilig, genug Geld zu haben. Man braucht sich um nichts mehr groß Gedanken machen. Die Drogen haben mich alt gemacht und noch viel kälter. Manchmal fühlt mein Körper sich an, als würde er an mir absterben. Hart und steif wie ein junger Schwanz, der an mir wedelt.“
In meinem Roman, der natürlich gerade verfilmt wird, müsste ich der Held sein und wenn die Hure ruft, würde ich sofort geil sein. Aber wenn sie kein Geld will, lässt sie mich kalt, denn ich bezahle gerne für alles, es mach mich mächtig, ich kontrolliere die Wirtschaft und den Konsum. Das ist der Kreislauf des Menschen: Bezahlt und verdient zu sein und irgendwann ein letztes Geschäft zu werden. Ich betrachte mich von oben und da bin ich klein, immer kleiner und dann nirgendwann, nie und nirgends.
Meine Kinder sind die Gedanken und sie kommen wieder, während nur ich älter geworden bin, waren sie schon dort, in der Zukunft, die nie war. Ich denke an die Kinder, die Angela hat abtreiben lassen. So etwas ist viel einfacher, denn sie werden nie sprechen, weil sie schon immer vergessen sind. Der Junge, der ich mal war, kommt manchmal wieder. Er lächelt überlegen, nickt mir mehrmals zu und sagt: „Dafür hätte ich nicht älter werden müssen.“
Dann aber, nach 10 Sekunden, die mir wie eine ewige Pause vorkamen, sage ich zu Angela: „Soll das ein Date werden?“ Sie sagt, es geht ihr nicht mehr ums Geld, aber es ist eine Gewohnheit, die ihr fehle.
„Ich dachte, der beste Fick, den wir je hatten, war gratis. Damals, als ich noch glatt war wie Papier. Du hast Frank gehasst und ich auch manchmal, aber du hast mir Geld bezahlt wie all die anderen und so getan, als wäre es eine besondere Beziehung zwischen uns. So, als wären wir zusammen. Aber ich weiß jetzt, dass es dir keinen Spaß macht, wenn du es gratis bekommst.“
Die Rente hat mich mehr als um Jahre gealtert und so habe ich angefangen, wieder zu arbeiten, diesmal als Kontaktmann „Schmidt“. Ich betrete eine von diesen Plattenbauten und treffe im 22. Stock gegen Mitternacht einen gewissen „Herrn Rotschuss“. Wie sich rausstellt, kennt er mich, aber ich kann mich an ihn nicht erinnern.
„Damals, als die Mauer fiel, konnte ich doch in meinem alten Beruf als Stasi-Mann nicht mehr so gut arbeiten, da habe ich doch ein Seminar besucht – dort trafen wir uns.“ Er streckt mir seinen tätowierten Arm zur Begrüßung entgegen und ich schüttel seine verschwitzte Hand kurz. „Ich bin so aufgeregt, mit so einem Vollprofi wie dir zusammen zu arbeiten“, freut er sich. Fast mit dem zweiten Atemzug übergibt er mir strahlend lächelnd das Protokoll.
Wie so oft soll der Tod wie ein Unfall aussehen und das Zielobjekt ist diesmal eine Frau, nämlich Angela! Ich versuche, keine Mine zu irgendeinem Spiel, aber er sagt: „Anscheinend kennst du sie. Viele in unserem Geschäft sind mit ihr in Berührung gekommen. Angeblich will sie ein Buch über uns schreiben, hab ich gehört.“
„Ja“, sage ich, „viele haben sie geliebt, aber auch die Liebe hat ihre Grenzen und nur das Geld und der Tod können sie überwinden.“ Bevor er seine Waffe von irgendwoher holen kann, habe ich ihn mit einem gezielten Schuss in den Kopf erledigt. Rotschuss fällt sofort zu Boden, leider mit zuviel unberechenbaren Blut. Es ist eine Schweinerei, diese Planlosigkeit!
Ich kontaktiere Angela und eine Stunde später ist sie da, mitsamt ihrer wichtigsten Sachen. „Es nützt wenig, ihn verschwinden zu lassen. Wenn er es nicht tut, übernimmt ein Anderer.“
Leider hatte ich keinen Notfallplan, aber ich dachte, wenn Rotschuss nicht so bald entdeckt wird, könnte ich noch bis zu meinem Geldversteck kommen und dann verschwinden. „Und ich habe nicht genug Geld gespart für diese Situation“, sagt Angela, „wer konnte dies jemals ahnen.“
„Ich weiß bis heute nicht, wer hinter dieser Organisation steckt, leider kriegt man das als kleiner Angestellter nicht mit, aber soviel ich mitbekommen habe, sind die nicht gerade harmlos. Geld ist eines unserer geringsten Probleme. Zusammen haben wir bestimmt genug.“ Zu impulsiv sei ich, hatte mein damaliger Chef gesagt, „das bringt dich eines Tages in derbe Probleme“. Dreißig Jahre später erkenne ich das – und dann ist es wahr: Jeder will dann nur noch überleben, egal wie.
„Mir gefällt mein neues Leben heute nicht“, sagt Angela, „aber falls es noch ein Morgen gibt, bin ich dabei.“ Ich kann mich retten und Angela ist mir auf einmal zuviel – weil sie mir weniger bedeutet als mein Leben. Man kann solche Frauen nur lieben, wenn man ein eigenes, kleines Leben hat, aber wenn nicht, dann werden sie zu einer untragbaren Last. Ich öffne die Handtasche von ihr und schieße mit ihrer Waffe auf sie. Angela fällt zu Boden und dann erledige ich sie mit meiner Pistole. Danach schieße ich mit der Waffe von Rotschuss auf sie, dann mir in den Arm.
Meine Geschichte geht heute natürlich gut aus und man glaubt meiner Geschichte von einem Handgemenge, worin Angela mit Rotschuss eine Liebesaffäre hatte und ich beide erledigen musste. So klein ist mein Leben, aber es gehört zu einem Teil mir. Angela war eine Nutte. Heute sagt man Hure, das kommt aus dem englischen „Hour“, ein Stundengirl, aber meist ohne „Happy Hour“. Meist war sie aber schon nach 10 Minuten mit mir fertig – wie ein Handwerker, und ich bezahlte ihre Pausen und die ihres Zuhälters. Sie haben alle über meine Verhältnisse gelebt. Zuviel gelebt und ich zu wenig bekommen. So ist das immer, die Philosophen wollen nicht ihr Leben verbessern, sie wollen nur von anderen leben.
Gestern hatte er Besuch von einem älteren Mann und zwei heruntergekommenen Frauen. Leider hatte er die Vorhänge geschlossen, aber ich kann mir denken, was da abging. Seit Wochen geht er kaum aus der Wohnung, nur um Alkohol zu kaufen und Katzenfutter. Die Katze ist er und auch der Goldfisch, der sich nicht an gestern erinnert und deren Zukunft immer wieder von vorne beginnt.
Nach einem Monat erkenne ich ein gewisses Muster und rufe den Kontaktmann an. Er nennt sich Schmidt und sagt mir, dass er meine Protokolle sehen will. Ich sage ihm, er soll etwas Leckeres vom türkischen Imbiss mitbringen, aber nicht wieder einen Döner. „Das Essen und die Wohnung sind bezahlt, ich bin nicht Ihr Lieferjunge“, sagt er und beendet das Gespräch. Bin mal gespannt, wie der Schmidt heute aussieht.
Meistens war das immer ein mittelalter Mann mit unauffälligem Trenchcoat. All diese Schmidts haben wohl im selben Laden eingekauft nach dem Kalten-Krieg-Ausverkauf mit 98 Prozent Rabatt. Und all diese Kontaktmänner hatten immer dieses unauffällige Gesicht, wo die Front mit den Augen, der Nase und den Lippen glatt nach unten fiel. So wie mein Gefühl nach einem Sonderposten-Fick mit Angela, kalt und zu heiß.
Zu meiner Überraschung ist Schmidt diesmal eine Frau, älter und wenig gut aus sehend. Sie sagt: „Ich weiß, was Sie denken, aber ich stehe nicht auf Männer und auch nicht auf Frauen, ich besorge mir selbst alles.“ Sie betritt die Wohnung, schaut sich kurz um. „Hässliche Wohnung“, ihr Kommentar. „Ich möchte hier auch nicht als werden“, sage ich und lächele.
„Das Protokoll“, sagt sie und breitet ihre Hand aus.
Nach dem Lesen sagt sie: „Wenig aufschlussreich. Es wurde beschlossen, dass er trotzdem so früh wie möglich stirbt. Sie machen das diese Woche, es gibt nächste Woche auch wieder Arbeit.“
„Das ist mir klar“, sage ich, „ich vermisse nur meinen üblichen Vorschuss“ und halte die Hand auf, die sie dann aber nur schüttelt.
Ein paar Sekunden später aber gibt sie mir den Umschlag und lacht. „Ich wollte sehen was Sie machen, aber Sie scheinen wirklich einer der Besten zu sein“. Ich sehe in den Umschlag und bin angenehm überrascht. Sie sieht das und sagt: „Es ist eilig, er soll am besten sofort weg.“ Der Grund hat mich nie besonders interessiert, aber wenn man plötzlich Geld bekommt wie für einen Spitzenagenten, ist das seltsam.
„Wir arbeiten immer noch für den Staat, keine Angst“, erklärt sie. „Er ist für die Rentenversicherung untragbar, kostet siebenmal mehr als ein normaler Rentner und ist schon immer ein unterdurchschnittlicher Bürger gewesen. Der bekommt mehr Rente als Sie für sein Ableben.“ Ich kenne diese Erklärungen, denn ich stehe immer auf der guten Seite. Der Tod macht Überstunden, das Leben zahlt eigentlich zu wenig...
120 in zehn Jahren. Ich sehe die Toten in meinem Gesicht, ihre Furchen haben mich gezeichnet, sie sprechen immer noch leise. „Geld ist alles was zählt und was Du verkaufen musst, um es zu erhalten, ist unwichtig“, sagte meine Vater immer. Jemand kauft den Tod von Anderen bei mir. Ich bin auch kein größerer Künstler als Teufel oder Gott, aber ich fühle sie, die Schuld, mein Elend, mich Mensch.
Menschen töten Menschen, Huren lieben Geld, das sie unehrlich verdienen, nur weil sie billig und gut auf Hormone wirken wie Angela. „Ich bin doch da“, sagt sie und ich weine zwischen ihren Beinen. Dann sagt sie: „Du musst auch noch in meine Muschi ficken. Es ist mir eigentlich egal, welche Tränen.“ Ich gebe ihr Geld, sie duscht sich und ich betrachte mein herunterhängendes Glied.
Jeder will Leben und Geld, dann soll alles besser werden und alle leben ihre Illusionen. Ich träume von den gestrigen Toten und von den zukünftigen. Dazwischen lebe ich in den Tagen. Sie sind hell. Ich kann Angela bumsen, sie will nur Geld. „Ich brauche das Geld, weil ich das Heroin brauche“, sagt sie. Und dann fügt sie hinzu: „Ich glaubte, dass ich besser aussehe, damit ich nicht putzen gehen muss.“
Sie hat meinen Schwanz geputzt, meine Tränen getrocknet, als sie mir die Flaschen mitgebracht hat. Rum, Korn und all diese anderen Kummerkissen. „Ruf mich an“, sagt sie dann immer zum Schluss. Ich glaube dann, dass es gut ist, was ich getan habe – zwischen der Zeit mit Angela und vor den Flaschen. Ein Terrorist wird auch immer ein Mörder bleiben, ich bleibe ich und bin ein Träumer ohne jegliche Hoffnung auf Erfüllung.
Zwischen den Aufträgen bin ich ein normaler Mensch, der ohne soziale Kontakte bei Aldi oder Penny einkaufen geht. Meine letzte Freundin vor 20 Jahren hat sich umgebracht, weil ich sie verlassen habe. Sie war mein erstes Opfer. Ich träume noch viel von ihr. Sie sagt, ich bin schon immer in der Hölle gewesen. Die Hölle ist kalt, aber niemand kann erfrieren. Jeder muss in seiner Hölle leben.
Des Menschen Leben ist eine Folter, weil er viel mehr will als er jemals bekommen kann. Jeder ist doch nur ein Blatt im Wind als er jemals wahr haben will – nie mehr. Wir treiben alle zu Gottes oder zum Gefallen vom Teufel in der gleichen Suppe und werden vom Verzehr nicht verschont – das Strampeln hilft also nie, aber wir tun es und sie sind fasziniert. Wir sind sie, aber sie sind nicht wir...
Tatsächlich habe ich meine wohlverdiente Rente und werde nun wie viele andere zu Tode gelangweilt. Ich denke an die Zeiten zurück, wo ich glaubte, eine öde Arbeit zu machen. Nun sieht alles anders aus. Das Grau von damals heute bunt und mein Sehnen nach Ruhe wie ein langsamer Gang auf den Friedhof, umgeben von Krähen im leichten Sprühregen, der wie ein Nebel mein wenig Freude in einen depressiven Mantel einhüllt. Ich atme schwer und ringe mit den Geistern der Toten um Sinn.
Es ist nicht viel anders, als das stille Ringen wegen zu viel Sinn und wie man ihn verteilt, damit kein Stress entsteht. Mit 55 nun alt und einigermaßen wohlhabend, ein Kapitän der Toten auf seinem verdienten, letzten Flug zur Hölle. Es war zu gut, das Leben, voller Schuld und Sünde, mit Kaviar und Sekt belohnt, mit Angela auch mal bestraft. Sie sagte, sie käme gerne öfter vorbei, um ihre Rente auf zu bessern. Ich kannte sie noch, als sie 16 war, die Tochter meines ersten Auftrags. Danach nahm ich sie dann bei mir auf und ich riet ihr auch zu ihrem Job.
Männer müssten töten und sie bräuchten danach eine Freundin, die ihnen einen Teil des Geldes wieder abnehmen, lehrte ich sie. Andere Männer müssten sterben, damit das Gute neu verteilt wird und ihr Tod ist eine Befreiung. Sie hat aber nie erfahren, warum ihr Vater „Selbstmord“ begannen hat. Vielleicht, weil er sie nicht nur schlug. Seinetwegen hatte sie nie einen Freund, der sie nicht bezahlte. Außer Frank, ihr Zuhälter, der ihr einen Napf mit Heroin hinstellte und wie ein neuer Vater für sie war. Aber Frank hat es dann auch getroffen. Ich hatte zwar keinen Auftrag, aber man kann ja auch mal karitativ sein und ein wenig schuldbewusst.
Das Leben ist oft ein Film, den manche gerne nur im Kino sehen würden, aber dann schlägt er zurück und die Regie ist ein unerbittliches Karma, süß mit Ohrenschmalz...
Ich sagte Angela heute, dass ich wohl ein Buch schreiben würde, obwohl es mir ein wenig an Fantasie mangelt. „Ja, du bist eben nur ein Buchhalter, nicht Jemand, der auch noch die Schrift dort hineinstellt“, antwortete sie am Telefon. „Wann können wir uns wieder mal treffen?“ Seit ich in Rente bin, habe ich sie nicht mehr gesehen. Ein halbes Jahr. Es schien so, als hätte sie eine unerklärliche Sehnsucht. „Wieso“, sage ich darum, „laufen deine Geschäfte nicht gut?“
„Das ist es nicht, seit Frank vermisst wird, habe ich gutes Geld gemacht. Aber es ist langweilig, genug Geld zu haben. Man braucht sich um nichts mehr groß Gedanken machen. Die Drogen haben mich alt gemacht und noch viel kälter. Manchmal fühlt mein Körper sich an, als würde er an mir absterben. Hart und steif wie ein junger Schwanz, der an mir wedelt.“
In meinem Roman, der natürlich gerade verfilmt wird, müsste ich der Held sein und wenn die Hure ruft, würde ich sofort geil sein. Aber wenn sie kein Geld will, lässt sie mich kalt, denn ich bezahle gerne für alles, es mach mich mächtig, ich kontrolliere die Wirtschaft und den Konsum. Das ist der Kreislauf des Menschen: Bezahlt und verdient zu sein und irgendwann ein letztes Geschäft zu werden. Ich betrachte mich von oben und da bin ich klein, immer kleiner und dann nirgendwann, nie und nirgends.
Meine Kinder sind die Gedanken und sie kommen wieder, während nur ich älter geworden bin, waren sie schon dort, in der Zukunft, die nie war. Ich denke an die Kinder, die Angela hat abtreiben lassen. So etwas ist viel einfacher, denn sie werden nie sprechen, weil sie schon immer vergessen sind. Der Junge, der ich mal war, kommt manchmal wieder. Er lächelt überlegen, nickt mir mehrmals zu und sagt: „Dafür hätte ich nicht älter werden müssen.“
Dann aber, nach 10 Sekunden, die mir wie eine ewige Pause vorkamen, sage ich zu Angela: „Soll das ein Date werden?“ Sie sagt, es geht ihr nicht mehr ums Geld, aber es ist eine Gewohnheit, die ihr fehle.
„Ich dachte, der beste Fick, den wir je hatten, war gratis. Damals, als ich noch glatt war wie Papier. Du hast Frank gehasst und ich auch manchmal, aber du hast mir Geld bezahlt wie all die anderen und so getan, als wäre es eine besondere Beziehung zwischen uns. So, als wären wir zusammen. Aber ich weiß jetzt, dass es dir keinen Spaß macht, wenn du es gratis bekommst.“
Die Rente hat mich mehr als um Jahre gealtert und so habe ich angefangen, wieder zu arbeiten, diesmal als Kontaktmann „Schmidt“. Ich betrete eine von diesen Plattenbauten und treffe im 22. Stock gegen Mitternacht einen gewissen „Herrn Rotschuss“. Wie sich rausstellt, kennt er mich, aber ich kann mich an ihn nicht erinnern.
„Damals, als die Mauer fiel, konnte ich doch in meinem alten Beruf als Stasi-Mann nicht mehr so gut arbeiten, da habe ich doch ein Seminar besucht – dort trafen wir uns.“ Er streckt mir seinen tätowierten Arm zur Begrüßung entgegen und ich schüttel seine verschwitzte Hand kurz. „Ich bin so aufgeregt, mit so einem Vollprofi wie dir zusammen zu arbeiten“, freut er sich. Fast mit dem zweiten Atemzug übergibt er mir strahlend lächelnd das Protokoll.
Wie so oft soll der Tod wie ein Unfall aussehen und das Zielobjekt ist diesmal eine Frau, nämlich Angela! Ich versuche, keine Mine zu irgendeinem Spiel, aber er sagt: „Anscheinend kennst du sie. Viele in unserem Geschäft sind mit ihr in Berührung gekommen. Angeblich will sie ein Buch über uns schreiben, hab ich gehört.“
„Ja“, sage ich, „viele haben sie geliebt, aber auch die Liebe hat ihre Grenzen und nur das Geld und der Tod können sie überwinden.“ Bevor er seine Waffe von irgendwoher holen kann, habe ich ihn mit einem gezielten Schuss in den Kopf erledigt. Rotschuss fällt sofort zu Boden, leider mit zuviel unberechenbaren Blut. Es ist eine Schweinerei, diese Planlosigkeit!
Ich kontaktiere Angela und eine Stunde später ist sie da, mitsamt ihrer wichtigsten Sachen. „Es nützt wenig, ihn verschwinden zu lassen. Wenn er es nicht tut, übernimmt ein Anderer.“
Leider hatte ich keinen Notfallplan, aber ich dachte, wenn Rotschuss nicht so bald entdeckt wird, könnte ich noch bis zu meinem Geldversteck kommen und dann verschwinden. „Und ich habe nicht genug Geld gespart für diese Situation“, sagt Angela, „wer konnte dies jemals ahnen.“
„Ich weiß bis heute nicht, wer hinter dieser Organisation steckt, leider kriegt man das als kleiner Angestellter nicht mit, aber soviel ich mitbekommen habe, sind die nicht gerade harmlos. Geld ist eines unserer geringsten Probleme. Zusammen haben wir bestimmt genug.“ Zu impulsiv sei ich, hatte mein damaliger Chef gesagt, „das bringt dich eines Tages in derbe Probleme“. Dreißig Jahre später erkenne ich das – und dann ist es wahr: Jeder will dann nur noch überleben, egal wie.
„Mir gefällt mein neues Leben heute nicht“, sagt Angela, „aber falls es noch ein Morgen gibt, bin ich dabei.“ Ich kann mich retten und Angela ist mir auf einmal zuviel – weil sie mir weniger bedeutet als mein Leben. Man kann solche Frauen nur lieben, wenn man ein eigenes, kleines Leben hat, aber wenn nicht, dann werden sie zu einer untragbaren Last. Ich öffne die Handtasche von ihr und schieße mit ihrer Waffe auf sie. Angela fällt zu Boden und dann erledige ich sie mit meiner Pistole. Danach schieße ich mit der Waffe von Rotschuss auf sie, dann mir in den Arm.
Meine Geschichte geht heute natürlich gut aus und man glaubt meiner Geschichte von einem Handgemenge, worin Angela mit Rotschuss eine Liebesaffäre hatte und ich beide erledigen musste. So klein ist mein Leben, aber es gehört zu einem Teil mir. Angela war eine Nutte. Heute sagt man Hure, das kommt aus dem englischen „Hour“, ein Stundengirl, aber meist ohne „Happy Hour“. Meist war sie aber schon nach 10 Minuten mit mir fertig – wie ein Handwerker, und ich bezahlte ihre Pausen und die ihres Zuhälters. Sie haben alle über meine Verhältnisse gelebt. Zuviel gelebt und ich zu wenig bekommen. So ist das immer, die Philosophen wollen nicht ihr Leben verbessern, sie wollen nur von anderen leben.
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Der Spinn des Lebens
helfenkoenig, 12:04h
Scheinbar bewegen die Massen sich in bestimmten Rhythmen und jeder denkt, er würde ein eigenständiges Leben bewegen. So sinnvoll und erfüllt; die Einen immer auf der Suche nach dem großen Schatz und die anderen werden gejagt.
In der Welt ist kein Platz für die Erde, die einen schlafen darauf, die anderen schöpfen sie aus. Die einen wie die Tiere, die anderen wie dessen Viehtreiber. Sie sind einander fremd, denn die einen essen Gras und die anderen ihre Produkte.
Menschen haben manchmal lange Weile und suchen einen Sinn, wo die anderen im Staub liegen und ihr Leben einen Tag verlängern, essen was vom Himmel wächst. Sie gehen einen Weg bis er zu Ende ist.
Kein Ende findet einen Sinn, das pure Dasein mit der Unterscheidung zur übrigen Natur. Man denkt und ist, während man isst. Während man die Erde austrinkt, die scheinbar endlos für Man da ist wie eine Mutter für den Vater.
Heute, morgen und übermorgen unterscheiden sich kaum, die Zeit fließt, während jeder ihr einen Sinn gibt. Spinnen weben ihre Netze bis zuletzt, aber niemand weiß, wann das letzte ist. Sie fangen ihre Beute und wenn nicht, verhungern sie.
Menschen gehen in den Discounter und kaufen Produkte, die andere hergestellt haben, die auf der Erde schlafen und wenn sie das nicht tun, verhungern sie alle. Wie die Inder, die Gras aus dem Himmel essen.
In der Welt ist kein Platz für die Erde, die einen schlafen darauf, die anderen schöpfen sie aus. Die einen wie die Tiere, die anderen wie dessen Viehtreiber. Sie sind einander fremd, denn die einen essen Gras und die anderen ihre Produkte.
Menschen haben manchmal lange Weile und suchen einen Sinn, wo die anderen im Staub liegen und ihr Leben einen Tag verlängern, essen was vom Himmel wächst. Sie gehen einen Weg bis er zu Ende ist.
Kein Ende findet einen Sinn, das pure Dasein mit der Unterscheidung zur übrigen Natur. Man denkt und ist, während man isst. Während man die Erde austrinkt, die scheinbar endlos für Man da ist wie eine Mutter für den Vater.
Heute, morgen und übermorgen unterscheiden sich kaum, die Zeit fließt, während jeder ihr einen Sinn gibt. Spinnen weben ihre Netze bis zuletzt, aber niemand weiß, wann das letzte ist. Sie fangen ihre Beute und wenn nicht, verhungern sie.
Menschen gehen in den Discounter und kaufen Produkte, die andere hergestellt haben, die auf der Erde schlafen und wenn sie das nicht tun, verhungern sie alle. Wie die Inder, die Gras aus dem Himmel essen.
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